Agile Märchenstunde - Mythen und Gerüchte von Pia Fischbach

04.10.2016

Aktuell ist „agile" in aller Munde. „Agilität oder das Wort „agile" ist ein Allheilmitte, die Lösung für alles und damit wird alles gut. Darüber hinaus sind doch Agile und Scrum das Gleiche, nicht wahr? Aber die Einführung agiler Methoden, die ist echt schwer. Also sollten wir das lieber nicht jetzt machen … Und außerdem ist das alles eh nur für die Softwareentwicklung und die IT geeignet."

Solche oder so ähnliche Aussagen hört man regelmäßig. Doch welche der Annahmen über agile Methoden treffen wirklich zu?

Agilität ist natürlich kein Wundermittel, das alle Probleme löst. So viel sollte wohl auch jedem Entwickler klar sein. Warum? Nun, wer hat schon jemals von einem echten, wahren Wundermittel gehört? Eben. Also ist es wahrscheinlich, dass es sich auch bei „Agile" nicht um ein solches handelt. Jede Methode hat ihre Stärken und Schwächen, und das trifft auch auf Agilität zu.

1. Agilität ist die Lösung für alles und es braucht kein Management mehr

Agiles Arbeiten ist nicht die Lösung aller Probleme sondern macht organisatorische und technische Probleme und Herausforderungen durch kontinuierliches „Inspect und Adapt" transparent und  schmerzhaft sichtbar. Die Augen davor zu verschließen macht keinen Sinn, sondern diese Themen müssen gezielt angegangen werden. Dies liegt in der gemeinsamen Verantwortung des Managements und des Teams. Es ist ein Irrglaube, dass der agile Veränderungsprozess irgendwann aufhört. Es gilt immer wieder auf allen Ebenen zu hinterfragen, was das Unternehmen am Wachsen blockiert und welche Schritte ausprobiert werden, um besser zu werden.

Agile

2. … und Scrum sind das Gleiche

Nein, eben nicht. Scrum ist ein agiles Framework, also eine Art des agilen Arbeitens. Agiles arbeiten kann aber auch auf anderen Wegen gestaltet werden als über Scrum. Allerdings gehören gemeinhin mit Agile verbundene Begriffe wie der Sprint und das Backlog zu Scrum, sodass die Verwirrung hier durchaus verständlich ist.

3. … geht nur bei kleinen Projekten

Agilität ist vor allem eine Sammlung von Prinzipien, Methoden und Ideen zur Verbesserung der Arbeitsweise und nicht an ein bestimmtes Framework oder an eine Projektgröße gebunden.

4. … ist ein Schalter der umgelegt wird

Es stimmt, dass Agilität häufig mit vielen Veränderungen einhergeht. Dass aber alle Neuerungen auf einmal eingeführt müssen, ist nicht richtig. Wie die Umstellung erfolgt, hängt sehr vom verwendeten Framework, Methoden etc. und dem Ziel ab. Dadurch ist es durchaus möglich, zuerst die Kommunikation im Team ins Auge zu fassen, danach die Arbeit in Sprints zu unterteilen und dann den Kundenkontakt zu intensivieren. Schritt für Schritt – am Ende ist nämlich auch die kontinuierliche Verbesserung der eigenen Arbeitsweise, Bestandteil des agilen Vorgehens. Die Umstellung wird also nie ganz abgeschlossen sein.

5. … macht alles einfacher, schneller und flexibler

Viele implizieren mit dem Begriff "Agil" Schnelligkeit. Das ganze wird noch durch den Begriff "Sprint" in Scrum verstärkt – ein unglücklicher Begriff. In Wahrheit bedeutet die Einführung agiler Prozesse erst einmal, dass ordentlich auf die Bremse getreten wird. Statt wie irre Code zu schreiben wird damit angefangen das Erstellen von Software als ein Handwerk zu sehen. Agile Teams sind also nicht unbedingt schneller und flexibler. Durch das sorgfältigere Arbeiten und dem Fokus auf das Wesentliche ist man aber trotzdem in der Lage, Innovationen schneller an den Markt zu bringen. Und wenn die agilen Praktiken in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist man am Ende vielleicht auch tatsächlich flexibler und schneller.

6. … braucht keine Dokumentation und keine Planung

Es stimmt, dass Agillität dem Kunden erlaubt, immer wieder Veränderungen am Projekt / Produkt vorzunehmen, und es ist auch richtig, dass immer nur die unmittelbar bevorstehenden Schritte konkret geplant werden. Auch in einem agilen Umfeld wird geplant - eine vollkommene Planlosigkeit ist es also nicht – es wird nur anders geplant und dafür gibt es die sogenannten Produkt / User-Stories. Damit wird in Form von Nutzerbedürfnissen und Kundenwünschen beschrieben, wie das Produkt am Ende sein soll. Es gibt also durchaus eine gemeinsame Vorstellung vom Ergebnis. Die konkreten Features werden allerdings nur kurz- und mittelfristig geplant und die Dokumentation erfolgt in den sogenannten User-Stories.

7. … ist nur für die Softwareentwicklung geeignet

Falsch. Es stimmt, dass die Methodik aus der IT stammt, aber das heißt nicht, dass sie nicht übertragbar ist. Genau so, wie auch große Teams agil arbeiten können, ist das auch in anderen Bereichen möglich. Die Grundkonzepte – Kommunikation, Qualität, schnelle Auslieferung – sind nicht softwarespezifisch. Auch die erhöhte Transparenz durch eine agile Arbeitsweise tut vielen Bereichen gut. 

Schlussendlich ist Agilität ist ein weites Feld, und wer sich nicht damit auskennt, kann sich schnell darin verlaufen. Agilität ist aber am Ende nicht anders als mit allen neuen, fremden Themen: Erst ist alles verwirrend, aber wer genauer hinsieht, wird erkennen, dass es eigentlich ganz einfach ist. Insofern sollte jeder, der bisher dachte, dass Agilität nur etwas für „die anderen" oder die „IT" ist, in das Thema eintauchen und neu darüber nachdenken. Denn auch, wenn es sich nicht um ein Allheilmittel handelt, können agile Methoden und Ansätze an vielen Stellen dabei helfen, das Arbeitsklima zu verbessern und die Qualität des Ergebnisses zu erhöhen.

Was fallen euch noch für agile Mythen oder Märchen ein?

von @Fischbach, Pia

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